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Südafrika-Rundbrief

6. August 2003, Teil 6

Hanna Steffens

Heckenweg 5, 28816 Heiligenrode
Tel/Fax:  04206-383
Mail:  Hanna Steffens
Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.


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Begegnungen mit Frauen, Männern, Ehepaaren

Bei den Gebetsfrauen (Women’s League) in 6 Gemeinden zeigte ich ebenfalls die Bilder von der grossen Flut (= AIDS-Pandemie), weil ich merkte, dass die meist älteren Frauen den Ernst der Bedrohung noch gar nicht in ihrem Alltag wahrgenommen hatten. Ich legte aber den Schwerpunkt anders:

Wie gehen wir mit HIV-Infizierten und AIDS-Kranken so um, dass sie sich nicht als Stigmatisierte, sondern angenommen fühlen?

Leider gibt es in Südafrika noch einige Kirchen, die die AIDS-Krankheit als Strafe Gottes ansehen.

Mein Anliegen war es, den ganzheitlichen Heilungswillen Jesu (z.B. mit Luk. 4,18.19) darzustellen und zu zeigen, wie er seine Nachfolger in diesen Heilungsauftrag einbezieht (z.B. Matth. 10,1ff).

In Gesprächen war mir aufgefallen, dass die Frauen vielfach Berührungsängste gegenüber AIDS-Kranken haben; sie können sich z.B. nicht vorstellen, mit einem HIV-Infizierten aus einem Kelch das Abendmahl zu empfangen. Auch wenn sie vielleicht wissen, dass HIV nicht durch den Speichel übertragen wird, fürchten sie doch wider besseres Wissen, sie könnten sich beim gemeinsamen Trinken aus einem Kelch infizieren. Es war schon früher so und ist mir jetzt wieder deutlich geworden: Aufklärung allein reicht eben nicht aus. Die oft unterschwelligen Ängste werden letztlich nicht durch mehr Bildung und Information überwunden.

Nur ein Wort Gottes wie 1.Joh. 4,18 kann da weiterhelfen:

Furcht ist nicht in der Liebe. Vielmehr treibt die vollkommene Liebe die Furcht aus.

Darum liess ich die Frauen mit einem biblischen Rollenspiel zum Verlorenen Sohn, Barmherzigen Samariter oder zur Blutflüssigen Frau selbst das Thema einleiten. Jedesmal war die in Not geratene Person eine HIV-Infizierte. Die Zeit für die Vorbereitung dieses Bibliodrama war immer recht kurz, und doch wurde äusserst lebendig und vor allem wirklichkeitsnah "gespielt" – es war ihr Leben!

Als am 6. Juli Luk. 15,11ff der Predigttext war, sollte ich in einer abgelegenen Schule 40 km westlich von MAKHADO (LOUIS TRICHARDT) predigen. Women’s und Men’s League hatten sich dort zu ihrem Viertelsjahrstreffen versammelt. Eine Viertelstunde vor Beginn des Gottesdienstes übernahm die Pfarrfrau Gladys Sekiba die Einführung in das Drama und die Rollenverteilung, nachdem ich vorher kurz das Anliegen aufgezeigt hatte.

Es war für alle bewegend, wie dann im Gottesdienst in einem Klassenzimmer die AIDS-Kranke (in der Rolle des Verlorenen Sohnes) stöhnend, hustend, humpelnd, schäbig gekleidet von hinten nach vorne kam und ihre Ängste und Schmerzen, ihr Gefühl der Ablehnung laut aussprach – sie wollte aber zurück in ihre Heimatgemeinde, weil sie sich hier Hilfe erwartete.

Rollenspiel - Eine AIDS-Kranke bittet um Hilfe

Rollenspiel "der Verlorene Sohn": Die Aidskranke kommt stöhnend, hustend, humpelnd nach vorn und spricht ihre Ängste und Schmerzen laut aus.

Schon bei der lauten Wehklage dieser Kranken waren einige zu Tränen gerührt. Ich spürte, wie die ganze Not dieser Epidemie von ihnen erlebt wird. Zuerst begegnete die Kranke ihrem eigenen älteren Bruder in der Gemeinde. Er sagte:

"Meinst Du etwa, dass ich mit Dir zusammen esse oder Dich in unser Haus aufnehme? Geh wieder dorthin, wo Du hergekommen bist!"

Rollenspiel - Ablehnung der AIDS-Kranken

Eine Frau in der Rolle des älteren Bruders lehnt die AIDS-Kranke schroff ab.

Die HIV-Kranke sackte verzweifelt in sich zusammen. Aber damit nicht genug: Die in ihrer ordentlichen Uniform gekleideten Gebetsfrauen sagten hart und ablehnend zu ihr:

"Glaubst Du, dass wir hier in der Kirche mit Dir zusammen Abendmahl nehmen, hier mit Dir zusammen auf einer Bank sitzen? Wo hast Du Dich herumgetrieben? Hast Du Deinen Körper wie eine Prostituierte verkauft? Wie siehst Du denn aus? Komm uns nur nicht zu nahe!"

Die HIV-Kranke wurden von allen Kirchgängern restlos abgelehnt. Da kam der Pastor (Frau Sekiba in der Rolle des Vaters). Er nahm sofort die Kranke in den Arm. Seine Augen strahlten:

"Du bist meine Tochter. Du warst tot; jetzt lebst Du wieder. Wir wollen ein grosses Fest zusammen feiern. Mit dem Abendmahl fangen wir an."

Rollenspiel - Aufnahme der AIDS-Kranken

Der "Pastor" in der Rolle des barmherzigen Vaters umarmt die Kranke liebevoll und heisst sie in der Gemeinde willkommen.

Er legte der Kranken eine neue Wolldecke um. Dadurch fühlte sie sich gewärmt, geliebt und angenommen. Sie richtete sich auf. Neues Leben war in sie hineingekommen durch die Barmherzigkeit des Pastors.

Rollenspiel - Freude der AIDS-Kranken

Durch eine neue Wolldecke gewärmt, umarmt und angenommen lebt die Kranke sichtlich auf.

Der Pastor nahm ein Glas mit Wasser, das zufällig auf dem Tisch stand, und reichte es der Kranken zuerst:

"Jetzt feiern wir zusammen das Abendmahl. Denn Jesus ist nun mitten unter uns."

Danach trank er selbst aus dem Glas und reichte es den Gebetsfrauen und dem älteren Bruder weiter. Alle tranken daraus – durch die Liebe Jesu überwunden. Zum Schluss fassten sich alle an den Händen und sangen dazu: "We are one family of God."

Auch Pastor Sekiba hatte nun Tränen in den Augen, und die Männer und Frauen waren sichtlich bewegt. Danach war es für mich nicht mehr schwer zu predigen. Ich konnte auf die praktischen Konsequenzen eingehen (Ausbildung von Volunteers für Häusliche Krankenpflege; Begleitung der Pflegerinnen durch Kurse für Menschen, die Seelsorge und Beratung für Kranke und Angehörige lernen – Frau Sekiba will die Krankenschwester begleiten, um so die Kranken kennenzulernen. Sie will dadurch Kontakte aufbauen und helfen, den Ausschluss der Kranken aus der Gemeinschaft, die Stigmatisierung, zu überwinden.)

Beim Treffen der Männer (Men’s League) des Kirchenkreises Devhula/Lebowa in Beuster versuchte ich darzustellen, wie

die hohe HIV-Infektionsrate letztlich mit einem kulturell bedingten Selbstverständnis der Männer und der untergeordneten Stellung der Frau zusammenhängt.

AIDS kann sich nur deshalb so stark und so schnell ausbreiten, weil auch bei Männern, die offiziell nur mit einer Frau verheiratet sind, die polygame Grundeinstellung und Praxis des Verkehrs mit mehreren Frauen weitergeht, und zwar gesellschaftlich völlig gebilligt.

Frauen sind ebenfalls nach der traditionellen Sitte gehalten, ihren Männern schweigend zu gehorchen und vor allem auf deren sexuelle Wünsche immer einzugehen, auch wenn sie sich nicht gut fühlen. Die grosse Armut und Arbeitslosigkeit zwingt die Frauen dazu, ihren Körper zu "verkaufen", weil sie keine andere Möglichkeit sehen, ihre Kinder zu ernähren und das Schuldgeld und die Schuluniformen für sie zu bezahlen.

Als ich bei 2 Frauentreffen die praktische Empfehlung gab, in Form einer Ich-Botschaft auch NEIN zu sagen oder vom Ehemann zu verlangen, dass er ein Kondom benutzen möchte, weil die Frau sich nicht sicher ist, ob er sich (etwa bei seiner langen Abwesenheit in der Stadt) infiziert hat, gab es eine grosse Erregung unter den Frauen. Sie sagten, sie fürchteten, ihr Mann würde sie verstoßen und nach Hause zu ihrer Familie zurückschicken, aber die würde sie nach so vielen Jahren auch nicht mehr aufnehmen. Als ich Gesprächsübungen mit Ich-Botschaft gemacht hatte, sagte eine Frau ganz befreit und erleichtert: "Jetzt weiss ich, wie ich mit meinem Mann reden kann." – Darum empfahl ich den Männern: Do not force your wife to have sex with you. (Zwingt Eure Frauen nicht zum Sex.) Macht einen HIV-Test. Redet mit Euren Frauen. Habt Zeit für sie. Denn die Frauen haben das Bedürfnis, mit ihrem Mann zu reden. Seid offen zueinander. Habt keine Geheimnisse voreinander. Denn Geheimnisse (auch im Blick auf die Finanzen) sind der Tod der Ehe. Erneuert Euer Eheversprechen in der Kraft Christi. Dr. med. Ramasuvha, Leiter der Men’s League und langjähriger Freund, bedankte sich für diese "provokative und zu Herzen gehende" Ansprache.

In Matsulu hatte ich einen kleinen Ehetag mit 7 Personen, in Beuster mit allen 16 Pastorenehepaaren, sofern sie nicht im Urlaub waren, und 3 ledigen Pastorinnen.

Ich war dankbar, dass es gelungen war, nach kurzfristiger Abkündigung am Sonntag im Ordinationsgottesdienst schon am Mittwoch mit 35 Frauen und Männern wirklich so etwas wie einen kleinen Workshop zu gestalten. Diesmal hielt ich meine Vorträge auf Englisch – und Sup. Randitsheni kopierte alle (auch die aus Zeitgründen nicht gehaltenen) Vorträge und praktischen Übungen zur Kommunikation und gab sie jedem Ehepaar geheftet mit.

Meine Hoffnung, für die ich schon zu Hause betete: möchten sie doch selbst zu Multiplikatoren werden und Ehetage in ihren Gemeinden anbieten.

Ich sprach anfangs über die "Biblischen Grundlagen der Ehe" und bat sie dann, sich in 4 Gruppen aufzuteilen und die Fragen zu erörtern:

"Wie können wir Liebe in der Ehe leben und zum Ausdruck bringen?"

"Was hindert uns, unsere Liebe und unser Vertrauen unserem Ehepartner gegenüber auszudrücken?"

In der anschließenden Plenumsdiskussion wurden viele wichtige Hinweise aus den Gruppen gegeben. Die Bitte war allgemein: ein solcher Ehetag müsse wiederholt werden. Ich regte noch einmal an, solche Ehetage auch in den Gemeinden zu halten, um so die Treue und Ausdrucksfähigkeit in den Ehen zu stärken und im Kampf gegen AIDS besser gerüstet zu sein. Aber ich weiss natürlich nicht, ob jemand nach solch einer einzigen Einführung den Mut dazu hat.

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Südafrika-Rundbrief, 06. August 2003, Hanna Steffens